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P.Bauer

 Gott im Leben nach Auschwitz

Im Juni 2004 war ich in Auschwitz.

Anfangs war ich einfach nur ├╝berrascht. ├ťberrascht davon, wie wenig dieser Ort mit den grausamen Ereignissen, den Berichten von ├ťberlebenden, den Dokumentationen gemeinsam hat. - Was ich zuerst gesehen , das waren viele B├Ąume in Bl├╝te und Wiesen voller bunter Blumen. Dazu kam fast immer blauer Himmel und Sonnenschein. Die alten Baracken im Stammlager sehen wie einfache Backsteinh├Ąuser aus. Nat├╝rlich irritiert der Stacheldrahtzaun.

Schon seltsam, ja irgend wie traurig, wie das alles seinen Weg nimmt. Vor sechzig Jahren hat sich an diesem Ort etwas abgespielt, das wohl keiner von uns wirklich richtig nachvollziehen oder verstehen kann. Zumindest mir geht es so. Und dieser Ort des Leidens wirkt auf uns heute so friedlich, so freundlich. Genau das macht mich in irgend einer Weise w├╝tend. D├╝rfen wir es zulassen, dass Auschwitz vergessen wird? Nein!

Wir m├╝ssen alles M├Âgliche daran setzen, dass wir auch und besonders diesen Teil unserer Geschichte kennen lernen und weiter geben!

Ich bin sehr dankbar daf├╝r, dass ich mit Orna Birnbach aus Tel Aviv, Jehuda Bacon aus Jerusalem und Henryk Mandelbaum aus Gliwice in Polen drei ├ťberlebende kennen lernen durfte. Drei Menschen, die neben wenigen anderen von vielen Millionen ├╝berlebt haben, durfte ich erleben. Es war einfach nur faszinierend, wie viel Lebensfreude diese drei Menschen hatten. F├╝r mich ist das kaum nachvollziehbar. Wie kann jemand, der einen Teil seines Lebens an diesem Ort verbringen musste, der sich immer an die Gr├Ąueltaten dort erinnern wird, diesen Lebensabschnitt nicht los werden kann, so voller W├Ąrme sein?

Henryk Mandelbaum hat uns an den Krematorien die Arbeitsschritte erkl├Ąrt, f├╝r die er zust├Ąndig war. Er hat uns jeden Ablauf bis ins Kleinste und vor allem bis ins ekelhafteste Detail erkl├Ąrt. Er war im Sonderkommando, das die Leichen nach den Vergasungen verbrennen musste, da die Krematorien ├╝berlastet waren. Und als wir abends noch lange mit ihm zusammen gesessen haben, hat er dennoch die ganze Zeit gestrahlt. Er hat sich gefreut, dass Jugendliche Interesse zeigen, dass Jugendliche das Vergessen verhindern wollen. Verabschiedet hat er uns mit den Worten: Lebt euer Leben!

Mehr nicht! Nat├╝rlich war es ihm sehr wichtig, dass wir unsere Erfahrungen weiter geben. Aber er hat trotzdem unser Leben in den Vordergrund gestellt - und das, obwohl Deutsche, unsere Vorfahren, in einem Teil seines Lebens so gew├╝tet haben und den Rest seines Lebens quasi vergiftet haben. Das ist wirklich kaum fassbar!

Auch bei Jehuda Bacon ist dies zu sehen. Einerseits der Wunsch, ja st├Ąrker noch, das Ziel, so viele Informationen wie m├Âglich an so viele Personen wie m├Âglich weiter zu geben. Aber andererseits ist ihnen allen das Leben geblieben! Leben! Sie genie├čen ihr Leben - so mein Eindruck - auch wenn sie nat├╝rlich immer wieder auf ihre Vergangenheit sto├čen, auch daraufgesto├čen werden. Dennoch, sie wollen leben!

Hier setzt meine eigentliche Frage an.

Das j├╝dische Volk ist das von Gott auserw├Ąhlte Volk. Gott hat auf die Israeliten seine sch├╝tzenden H├Ąnde gelegt. Aber was war in den Jahren zwischen 1940 und 1945?! Ich m├Âchte nicht darauf hinaus, wie Gott so etwas zulassen konnte. Mich interessiert es, welchen Bezug zu Gott ├ťberlebende der Shoa haben. Gibt es an Gott nur den Vorwurf? Nur das: Wieso hast du das zugelassen? Oder ist der Glaube an Gott die St├╝tze, die Grundlage, auf die das weitere Leben nach den schrecklichen Tagen in Auschwitz sich aufbaut?

 Diese Gedanken gehen mir schon seit L├Ąngerem durch den Kopf. Eben vor allem mit dem Bezug, den ein Jude zu Gott hat/hatte, indem er sich als einen ÔÇ×Auserw├Ąhlten" sieht. Das ist nat├╝rlich eine Sache, die keinesfalls zu pauschalisieren ist. Ganz klar. Aber mir w├Ąre es einfach unheimlich wichtig, wenn ich dazu noch einmal die eine oder andere Aussage bek├Ąme. Neben vielen Dingen, die mir an Auschwitz noch unbegreiflich sind - viele davon werden wohl auch immer bleiben - ist dies vielleicht etwas, was ich von den ├ťberlebenden gern w├╝sste. Inwiefern spielt Gott eine Rolle im Leben nach Auschwitz?

Anne Wonsack ist Sch├╝lerin an der Marienschule in Limburg, 1987 geboren und wohnt inH├╝nfelden. Sie schrieb diesen Brief auf Bitten des katholischen Priesters im ÔÇ×Zentrum f├╝r Gebet und Dialog" in Oswiecim (Auschwitz), damit er mit Briefen von polnischen Jugendlichen zusammen, quasi als eine deutsche Stimme, an ├ťberlebende in aller Welt versandt w├╝rde. Aber auch wir hier in Deutschland sind aufgerufen, eine Antwort auf Annes Frage zu geben.

 

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